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«Mein jüngstes Werk hat mich sehr stark herausgefordert»

Ab heute Montag, 10. September, ist das jüngste Werk des St. Gallers Stephan Sigg (33) erhältlich. «Noch 21 Tage» heisst sein Jugendbuch. Es dreht sich um die Geschichte von Leon, einem Jugendlichen, der in einer armutsbetroffenen Familie lebt, aber dies verschweigt. Und in 21 Tagen fliegt Leons Familie aus der Wohnung. Im Telefongespräch mit der Schweizer Tafel erzählt er über seine Beweggründe für dieses Buch.

Stephan Sigg, handelt es sich in Ihrem jüngsten Jugendbuch «Noch 21 Tage» um eine wahre Geschichte?

Nein, es ist eine fiktive Geschichte. Aber sie ist exemplarisch für viele Betroffene. Es floss alles ein, was ich bei meinen Recherchen erfahren habe.

Was gab der Auslöser, das Thema «Armut» zu wählen?

Gerechtigkeit, Armut und Nachhaltigkeit beschäftigen mich als Themen seit längerem. In meinen Jugendbüchern geht es immer um gesellschaftliche Themen.  Und ich versuche immer wieder neue Themen zu finden. Durch meine Lesungen an Schulen und Workshops spüre ich heraus, was Schweizer Jugendliche heute bewegt. Was mir auffällt ist wie wichtig es ihnen heute ist auf Social Media rüberzukommen, vor allem auf Instagram und YouTube. Als ich noch jung war zählten Handy und Markenklamotten. Jetzt zählt nicht mehr so stark das Materielle, sondern Erlebnisse wie zum Beispiel eine Reise an einen aufregenden Ort oder das Konzert eines Superstars, was ja auch alles nur mit dem entsprechenden Kleingeld möglich ist. Und für manche Jugendliche sind gerade  Vorbilder und Idole toll, so meine Beobachtung, die reich sind und sich alles leisten können. Multimillionäre. Nicht Sportler oder Künstler, die eine spezielle Leistung erbringen oder über ein Talent verfügen. Aber gleichzeitig ist die Schere zwischen arm und reich eigentlich in jeder Schulklasse Realität. Es ist nicht selbstverständlich, dass alle alles zur Verfügung haben. Und deshalb wollte ich die Jugendlichen mit diesem Thema konfrontieren und schrieb ein Jugendbuch darüber.

Wie lange sassen Sie an Ihrem jüngsten Projekt?

Ich habe über ein Jahr lang recherchiert. Durch meine Tätigkeit als Journalist konnte ich schon vor diesem Projekt Wissen und Informationen über Armut in der Schweiz aneignen. Nur ein Beispiel: In St. Gallen ist kürzlich der Caritas-Markt umgezogen und hat  am neuen Standort ein Café eröffnet. Von den Verantwortlichen erfuhr ich, dass sich Nicht-armutsbetroffene Menschen leider nicht in dieses Café trauen. Weil sie anscheinend Bedenken haben, gesehen und «abgestempelt» zu werden. Im Rahmen eines Beitrags zum Leitungswechsel der Schweizer Tafel Region Ostschweiz im Juni konnte ich mit der bisherigen Stelleninhaberin und deren Nachfolgerin ein Interview führen.

Angesichts Ihrer Motivation für Jugendbücher: Wären Sie dann lieber Schriftsteller als Journalist?

Ich mache beides gerne. Als Journalist kann ich mich rasch wechselnden Themen zuwenden. Bei einem Buch ist man lange am selben Thema dran. Ehrlich gesagt hat mich mein jüngstes Werk «Noch 21 Tage» sehr stark herausgefordert. Armut ist ein schweres Thema. Ich wollte zuerst eine lustige Story schreien. Doch ich habe rasch realisiert, dass ich damit nicht den Ernst der Situation rüberbringen kann und der Realität der Betroffenen nicht gerecht werde. Und so wurde es eine Gratwanderung, denn es war mir wichtig, dass auch humorvolle Szenen darin vorkommen. Das Jugendbuch soll die jungen Leserinnen und Leser gefühlsmässig nicht deprimieren. Deshalb endet die Geschichte auch mit einem kleinen Happy End. Leon vertuscht, dass seine Familie von Armut betroffen ist. Und auch, dass sie in 21 Tagen aus der Wohnung ausziehen muss. Am Schluss wissen es zumindest die engsten Freunde. Das nimmt ihm den Druck, macht Mut und Hoffnung. Ich hoffe so die Jugendlichen zu sensibilisieren. Sie können unsere Gesellschaft beeinflussen, was den Umgang mit Armut in unserem Land betrifft.

Und was erhoffen Sie sich nun mit Ihrem jüngsten Werk?

Als Ort der Vernissage habe ich nun bewusst das Café des Caritas-Marktes gewählt – es kommt ja auch in der Geschichte vor. Ich habe unter anderem gezielt auch Lehrpersonen eingeladen, die ich durch meine Tätigkeit als Schriftsteller kenne, eingeladen. Ich hoffe, dass sie dann das Thema Armut in der Schule aufgreifen. Es soll nicht nur ein Lesebuch sein, sondern etwas auslösen. Es gibt ja schon eine Menge Unterrichtsmaterial zum Thema. Aber eine Geschichte ist viel emotionaler, kann aus meiner Sicht die Realität der Betroffenen viel besser vermitteln, deshalb erzähle ich in «Noch 21 Tage» eine Geschichte.

Gespräch: Edith Loosli-Bussard

 

Zum Buch: «Noch 21 Tage», Stephan Sigg, ISBN 978-3-906876-11-5, 60 Seiten, 12x19 cm, Fr. 8.70, Verlag da bux (www.dabux.ch), Werdenberg/SG

Leseprobe und Online-Bestellmöglichkeit

Öffentliche Buch-Vernissage: Donnerstag, 27. September, 19.30 Uhr, im öffentlichen Café des Caritas Markt, Langgasse 11, 9008 St. Gallen. Lesung und Autorengespräch, anschliessend Apéro.

Mehr zum Autor: www.stephansigg.com

Cover des Buchs "Noch 21 Tage" von Stephan Sigg

 Autor Stephan Sigg. (Fotos: zvg)