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«On peut vivre simplement sans se priver»

Gérard Corpataux

L’esprit du partage

Die Schweizer Tafel beliefert in der Waadt die soziale Institution Communauté Emmaüs. Sie ist das Zuhause von 21 Bewohnern. In der Communauté ist jeder willkommen, der eine Unterkunft braucht und eine sinnvolle Beschäftigung sucht. Wenn jeder seine Kompetenzen weitergibt und dadurch Teil der Gemeinschaft ist, ist ein Leben in Würde möglich, so der Ansatz. Zu Besuch in Etagnières.

Mittagessen in der Communauté Emmaüs


Das Leinennachthemd ist auf einer alten Büste drapiert, der hellblaue Rössler-Milchkrug passt zum mit Blumen bemalten Porzellan. Alte Bilder in Goldrahmen hängen neben Poster vergangener Kunstausstellungen, daneben stehen Skulpturen aus Afrika. Man findet Bergschuhe, Bettgestelle, Bücher und Buffets.

Zwei bis drei Lieferwagen voller Möbel und anderen Gegenständen bringen die Mitarbeitenden der Communauté Emmaüs täglich nach Etagnières. Dinge, die andere nicht mehr wollen, nicht mehr brauchen. In der Werkstatt werden sie auf ihre Funktion getestet, wenn nötig repariert, geputzt und warten danach im 1000 m2 grossen Brockenhaus auf einen neuen Besitzer. «Wir haben einen schnellen Umschlag, die Dinge bleiben manchmal nur wenige Stunden im Laden. Das ist wichtig, wir brauchen Platz und müssen viel verkaufen. Denn vom Erlös im Brockenhaus leben wir», erklärt Gérard Corpataux das Konzept von Emmaüs. Er ist Geschäftsführer hier in Etagnières. 

Neben dem Brockenhaus gibt es auch einen Garten und einen Wohntrakt. Zurzeit leben 21 Männer, Compagnon (dt. Kamerad) genannt, zwischen 23 und 65 Jahren dort. Jeder Mensch, der ein Dach über den Kopf braucht, ist bei Emmaüs willkommen. Voraussetzung, dass man bleiben kann, ist die Bereitschaft für die Gemeinschaft zu arbeiten. «Wir nehmen jeden auf, sofern wir Platz haben», sagt Gérard Corpataux. Eine Beschränkung, wie lange einer bleiben darf, gibt es nicht, doch nimmt die Communauté in Etagnières nur Männer auf. «Manche Männer bleiben nur wenige Tage, andere Monate, manche bleiben Jahre. Bei den jungen Männern fragen wir jeweils, was ihre Pläne sind.»

Die Communauté Emmaüs ist ein Beispiel dafür, das andere Lebensformen möglich sind. Wer einfach lebt, muss auf nichts verzichten. Drei Komponenten sind bei Emmaüs zentral: «Wir leben zusammen, wir arbeiten zusammen und wir teilen», so Gérard Corpataux. Die Organisation ist autonom, bekommt keinerlei finanzielle Unterstützung. «Es ist unsere Arbeit, die uns ernährt und unser Sein ermöglicht», sagt Gérard Corpataux.

Die Communauté Emmaüs ist ein Beispiel dafür, das andere Lebensformen möglich sind. Wer einfach lebt, muss auf nichts verzichten. Drei Komponenten sind bei Emmaüs zentral: «Wir leben zusammen, wir arbeiten zusammen und wir teilen», so Gérard Corpataux. Die Organisation ist autonom, bekommt keinerlei finanzielle Unterstützung. «Es ist unsere Arbeit, die uns ernährt und unser Sein ermöglicht», sagt Gérard Corpataux. «Das ist nicht nur für die Institution wichtig. Es gibt auch den Compagnons einen gewissen Stolz. Es macht sie zu respektablen Personen. Besonders Menschen, die obdachlos waren oder ohne Arbeit und Struktur sind, finden bei uns wieder Selbstvertrauen – durch die Arbeit und die Gemeinschaft. Denn die Haltung der anderen Compagnons überträgt sich auf die neuen Personen.»


Männer aus 15 verschiedenen Ländern leben in der Communauté Emmaüs in Etagnières, darunter auch manche Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus (Sans-Papiers). Für die meisten Sans-Papiers ist Emmaüs eine Übergangssituation. «Ich war an einer Konferenz in Lampedusa», erzählt Gérard Corpataux. «Migration hat immer stattgefunden. Heute haben wir in Europa viel Angst und machen Barrieren. Emmaüs macht das nicht, jeder kann hier leben. Doch auch wir können Sans-Papiers keine längerfristige Lösung anbieten. Sie haben aber ein Bett, warmes Essen und können etwas Geld sparen. 120 Franken bekommt jeder Compagnon wöchentlich. Und er findet Ruhe um die nächsten Schritte zu planen.»

So wie beispielsweise der junge Mann aus Afrika. Er arbeitet seit ein paar Wochen in der Elektronik-Abteilung von Emmaüs, repariert Handys, testet Lampen, flickt Mixer. Manchmal unterstützt ihn ein ehemaliger Elektroingenieur, gibt ihm Tipps, lehrt ihn Wissenswertes.

Schon viel länger in der Gemeinschaft lebt der Koch von Emmaüs, wir nennen ihn Benjamin. Seit bald zwölf Jahren ist er um das kulinarische Wohl der Compagnons besorgt. «Ich mache es sicher gut, es gibt jedenfalls keine Reklamation», sagt der gelernte Biologe bescheiden. «Meine Aufgabe – das Kochen – mache ich aus Verantwortung gegenüber den anderen Compagnons. Jeder macht, was er kann.» Benjamin kam vor 13 Jahren aus verschiedenen Gründen in die Schweiz. Seine erwachsene Tochter lebt in der Umgebung von Lausanne. Vor eineinhalb Jahren wurde Benjamin Grossvater. Wenn immer möglich verbringt er Zeit mit seinem Grosskind. «Ich lebe hier bei Emmaüs, weil ich keine andere Möglichkeit habe, wenn ich in der Schweiz bleiben möchte. Aber ich vermisse mein Heimatland, meine Mutter und meinen Beruf. Wenn ich hier weg gehe, dann für immer», so Benjamin. «Manchmal ist das Zusammenleben schwierig. Aber es ist für niemanden einfach hier. Wir haben alle unsere Geschichte. Doch bei Emmaüs werden wir gut behandelt.»

Noch ist Benjamin hier in Etagnières – und jedes Mal, wenn er in den Kühlraum des Fahrzeugs der Schweizer Tafel Waadt schaut, stellt er in seinem Kopf schon die Menus zusammen. «Ich habe viel Erfahrung und kann sehr spontan kochen. Dank der Schweizer Tafel müssen wir nicht viel einkaufen. Wir werfen möglichst nichts weg. Das tut mir leid für die Lebensmittel und für diejenigen Menschen, die weniger haben als wir.» Die Schweizer Tafel ist nicht nur aus ökonomischen Gründen wichtig für Emmaüs. Die beiden Organisationen haben auch eine ähnliche Philosophie: mit Kreativität und Engagement kann man mit dem, was andere nicht mehr wollen, noch gut leben – seien das Nahrungsmittel oder Möbel.

Die Organisation Emmaüs wurde nach Ende des 2. Weltkrieges vom französischen Priester Abbé Pierre ins Leben gerufen. Die Arbeiter und ärmeren Bewohner rund um Paris lebten damals in unwürdigen Unterkünften – den Menschen ein Zuhause und eine Arbeit zu geben war Abbé Pierres Ziel. Er setzte auf Hilfe durch Selbsthilfe. «Wenn jemand nicht arbeiten will, muss man ihn dazu einladen», ist eine viel zitierte Aussage von ihm. Heute ist sein Hilfswerk international, die Solidarität unter den Communautés gross: Monatlich fährt ein Lastwagen voller Möbel, die in Etagnières nicht verkauft werden können, in den Jura. Auch unterstützt Emmaüs Etagnières Gemeinschaften in Osteuropa und Afrika – finanziell und mit Waren.

Emmaüs zeigt anschaulich, dass Zusammenleben – im Grossen wie im Kleinen – nur durch Rücksichtnahme und Respekt möglich ist. Dazu gehört auch teilen, weitergeben sowie der Glaube in den Menschen und in seine Fähigkeiten zu wachsen. «Es ist nicht wichtig, welche Geschichte ein Mensch hat oder was er gemacht hat. Wichtig ist, welchen Weg wir gemeinsam gehen», sagt Gérard Corpataux.