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«Es gibt Frauen, die sehr wenig haben, nur etwas Geld von uns. Zusammen mit dem Tafel-Sack können sie in ein neues Leben starten.»

Silvia Vetsch

Das Frauenhaus ist auch ein Kinderhaus

Ist nichts mehr wie es war, geben kleine Dinge Halt und ein Stück Normalität. Wie ein warmes Essen oder eine feine Salami. Auch dank den Lebensmitteln der Schweizer Tafel kann das Frauenhaus St.Gallen gewaltbetroffenen Frauen und ihren Kindern den Neustart in ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.

Wohin können Frauen, wenn sie von häuslicher Gewalt betroffen sind? Seit den 70er-Jahren, als Folge der Feminismus-Debatten «Das Private ist politisch», gibt es Frauenhäuser in der Schweiz. Sie sind ein Zufluchtsort für gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder. Im Kanton St.Gallen steht es mitten in einem Wohnquartier, die genaue Adresse ist nur ausgewählten Personen bekannt. Gegründet wurde das St.Gallen Frauenhaus vor 37 Jahren, als drittes in der Schweiz. Es bietet neun Zimmer für neun Frauen und deren Kinder. Zurzeit unseres Besuches leben elf Mädchen und Buben da. Gewalt macht weder Halt vor Herkunft noch vor Status. Silvia Vetsch, Leiterin des Frauenhauses in St.Gallen, hat schon vieles gesehen und sagt: «Zu uns kommen Frauen aus allen Gesellschaftsschichten. Sie rufen an, wenn es eskaliert. Wir sind 24 Stunden erreichbar, man kann jederzeit eintreten.» 26 Personen arbeiten im Frauenhaus, zusammen mit dem Nachtteam und dem Reinigungspersonal sprechen sie 19 Sprachen. «Wir sind als Team sehr gut organisiert», so Silvia Vetsch.

Dankbar für den vollen Kühlschrank

Keiner Frau fällt der Schritt ins Frauenhaus leicht. Oft ist es die letzte Option, wenn man erkennt, dass es jetzt um Leben oder Tod geht. Einige Frauen kommen nicht mehr dazu, ihren Koffer zu packen – sie treten mit nichts ein ausser vielleicht ihren Kindern an der Hand. «Manche haben zu Hause wenig Geld zur Verfügung. Besonders diese Frauen sind sehr dankbar für den vollen Kühlschrank, den wir bieten können.»

Ein voller Kühlschrank im Frauenhaus – auch dank der Schweizer Tafel Region Ostschweiz. Seit zehn Jahren liefert die Schweizer Tafel zweimal wöchentlich Lebensmittel. Gemüse und Früchte sowie Süsses muss das Küchenteam seither kaum einkaufen. «Wir holen nur noch Fleisch und Milchprodukte. Früher sind wir täglich einkaufen gegangen, heute reicht es, zweimal die Woche Einkäufe zu machen», so Mitarbeiterin Sheila*, verantwortlich für Haushalt und Küche im Frauenhaus St.Gallen. Die Lieferungen wirken sich spürbar auf das Budget des Frauenhauses aus: Bei einem Gesamtbudget von ca. 120 000 Franken und dem Auftrag, fünf Prozent des Budgets selbst zu erwirtschaften, wird die Geschäftsleitung durch die kostenlosen Lebensmittel etwas entlastet.

Illustration Frau beim Essen holen im Frauenhaus

Ablenkung von den persönlichen Problemen

Doch Sheila fügt hinzu: «Es braucht eine kreative Köchin, wenn die Schweizer Tafel vorfährt. Wenn sie die Lebensmittel sogleich in ihr Menü integrieren kann, sparen wir viel Geld.» Nicht alle heimischen Gemüse sind den Bewohnerinnen bekannt. Beispielsweise Spargel – die meisten Frauen aus anderen Teilen dieser Erde kennen das beliebte Gemüse nicht. «Dann erklären wir, wie man es rüstet und zubereitet. Und wenn es schmeckt, freuen sie sich, dass sie etwas Neues kennengelernt haben.» Aus allen fünf Kontinenten stammen die Frauen, die im Frauenhaus ein provisorisches Zuhause finden. Die Küche ist dementsprechend international. Ihren Tagesablauf gestalten die Frauen frei, den Alltag sollen sie selbst bewältigen, auch damit sie nicht zu stark an ihre aktuellen Probleme denken müssen. Doch es gibt einen Ämtliplan und das Mittagessen findet gemeinsam statt – eine der Frauen hat Küchendienst und ist für das Menü zuständig. Das Abendessen hingegen ist frei. Es werden Reste gewärmt.

Das Frauenhaus überbrückt finanzielle Engpässe

Tritt eine Frau aus dem Frauenhaus aus, hilft das Team bei der Wohnungssuche. Im Estrich des Frauenhauses lagern ausserdem Kleider, Möbel, Küchenutensilien für die Einrichtung einer Wohnung. Es sind Spenden von Privatpersonen. Susanne Lendenmann, Regionenleiterin der Schweizer Tafel in der Ostschweiz, weiss davon: «Dem Frauenhaus liefern wir nicht nur Lebensmittel, sondern auch Windeln, Spielsachen, Kinderkleider oder Geschirr, beispielsweise wenn wir nach einer Restaurantliquidation etwas abholen dürfen.» Nach einer Trennung vom Ehemann oder Partner werden viele Frauen vorerst von der Sozialhilfe unterstützt. Auch kommt es vor, dass arbeitende Frauen ihre Stelle aus Sicherheitsgründen nicht behalten können. Trotz unserer guten Sozialnetze gibt es Lücken im System: Nach dem Austritt aus dem Frauenhaus und bis die Sozialhilfe greift, haben Betroffene oft kein Geld. Es sind lange vier Wochen, wenn man hungrige Mäuler stopfen muss. «Aus diesem Grund haben wir den Tafel-Sack eingeführt», erzählt Silvia Vetsch. Zweimal pro Woche dürfen Frauen einen Sack voller Lebensmittel von der Schweizer Tafel abholen. «So können sie einen grossen Teil des täglichen Bedarfs abdecken bis die Sozialhilfe das Geld ausbezahlt. Teilweise und je nach Situation erhalten die Frauen auch später noch einen Tafel-Sack.»

Mit dem Tafel-Sack neu starten

Die Tafel-Säcke haben für die Frauen einen finanziellen Wert. Mindestens ebenso gross ist aber der psychologische Effekt. Wenn eine Mutter ein feines Gericht kochen kann für die Kinder, die von der Schule kommen, so gibt das ein Gefühl von Normalität und Wärme. «Es gibt Frauen, die sehr wenig haben, nur etwas Geld von uns. Zusammen mit dem Tafel-Sack können sie in ein neues Leben starten», so Silvia Vetsch.

Welchen Stellenwert Lebensmittel in schwierigen Situationen haben, weiss auch Sheila. Sie erzählt zum Schluss folgende Geschichte: «Vor ein paar Monaten haben wir von der Schweizer Tafel richtig feine Salami bekommen. Ich habe diese verteilt, unter anderem auch an eine Frau, die schon wieder eigenständig in ihrer Wohnung lebt. Sie hat die Salami geküsst und Tränen sind ihr in die Augen geschossen. Mit ihrem 16-Franken-Stundenlohn hat sie sich Salami schon lange nicht mehr leisten können. Das zeigt: Eine überschüssige Salami kann jemandem so viel bedeuten.»

*Namen der Mitarbeitenden der Redaktion bekannt.