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«Wir nehmen, was es hat»

Pius Eberli

Wo kreativität kanalisiert wird

Die Wärchstatt des Vereins Jobdach bietet suchtkranken Menschen eine Tagesstruktur. Mitten in der Stadt Luzern entstehen Möbel und Accessoires aus Holz und Metall in bester Qualität. Zu Besuch bei einem unserer ältesten Abnehmer.

Rainer Zimmermann* zieht eine Karte hervor. Sanfte Blumenmotive, mit Bleistift gezeichnet. „Diese Karte habe ich entworfen. Es ist erst eine Skizze. Den Hintergrund werde ich mit Farbstiften hervorheben. Das ist eine Trauerkarte. Aber ich habe auch schon Happy Birthday-Karten gemalt.“

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Wir sind in der Künstlerecke der Wärchstatt von Jobdach – ein Angebot, welches sich an Menschen richtet, die aus gesundheitlichen Gründen keiner herkömmlichen Erwerbsarbeit nachgehen können. Rainer Zimmermann kommt seit eineinhalb Jahren regelmässig hierher. Wegen der Tagesstruktur. „Und weil man andere Menschen trifft und zusammen Pause macht. Auch weil man hier etwas (tun) kann.“ Ein Schicksalsschlag mit seinem Bruder hat ihm den Boden unter den Füssen weggezogen. Erst mit 32 Jahren sei er in die Drogenszene gerutscht. Er habe während 20 Jahre nichts gemacht. Doch das sei irgendwann ja auch langweilig.

„Diese Lampe hier ist auch von mir. Wir haben sie kopiert und adaptiert.“ Das Original, ein kleines Nachttischlämpchen, sei innen mit Draht ausgestattet, seines habe er aus Holz hergestellt, erklärt der gelernte Tiefbauzeichner.

Im Kartenständer bei der Verkaufsfläche der Wärchstatt finden sich noch mehr Karten. „Ich bin total beeindruckt, was unsere Leute alles können. Es ist genial. Sie sind Künstler“. Pius Eberli ist der Leiter der Wärchstatt. Sein Stolz und seine Freude über all die verschiedenen Objekte ist sichtlich spürbar.

Pius Eberli ist Leiter der Wärchstatt von Jobdach

Viele kreative Köpfe arbeiten in der Wärchstatt. Pius Eberli und sein vierköpfiges Team schaffen es, diese Kreativität zu kanalisieren und nutzen. „Die körperliche Arbeit ist wichtig. So entsteht etwas, was unsere Leute in den Händen halten können. Und wenn es verkauft wird, gibt das noch mehr Selbstvertrauen. So findet jeder heraus, was er kann.“

Die Aufgabe der Wärchstatt ist es, eine Tagesstruktur anzubieten. „Wir befreien die Personen nicht von der Sucht. Wir holen sie zwar weg von der Gasse und bieten ihnen eine Arbeit. Doch unsere Kompetenz ist in erster Linie das Handwerk, nicht die Sozialarbeit“, so Pius Eberli. Durch die körperliche Tätigkeit findet ein Prozess statt. Dazu ein Beispiel: „Einmal kam ein Mann zu uns, der vom Sozialdienst überwiesen wurde. Er hatte überhaupt keine Lust, hier zu sein.“ Pius Eberli gab ihm den Auftrag, sich um ein altes Küchenbuffet zu kümmern. „Es laugte es ab, und es kam Farbschicht um Farbschicht hervor, bis schliesslich das Holz zum Vorschein kam. Er behandelte und ölte es – und es wurde ein wunderschönes Buffet. Wir stellten es in den Verkauf und er war stolz auf sein Bijou und sagte: <Weisch Pius, es ist schon toll, was man bei euch machen kann.>“

Das Znüni und Zvieri ist ein fester Bestandteil des Tagesablaufes in der Wärchstatt

Zwischen 15 – 30 Personen arbeiten jeweils halbtags in der Wärchstatt. Das Angebot von Jobdach ist das niederschwelligste im Raum Luzern. Doch auch Personen mit einer IV-Rente – die eigentlich nicht arbeiten müssten – sind willkommen. „Wir sind für alle da und jeder hat Platz. Manche machen richtige Kunstwerke, andere setzen zwei Teile zusammen. Herausforderung bedeutet für jeden etwas anderes. Ich sage jeweils: Gute Leute brauchen wir immer. Du musst gar nicht fragen ob du da sein darfst – komm einfach“, so Pius Eberli.

Neben der Künstlerecke steht ein grosser Tisch, an welchem acht Personen sitzen. Akribisch setzt jeder zwei kleine Metallteile zusammen, presst sie und legt sie in eine grosse Kiste zur Kontrolle. Rhythmisches Klappern liegt in der Luft. Eine Arbeit, die keine Maschine erledigen kann. „Wir haben auch Aufträge der Industrie. Die Arbeit erfordert Konzentration, ist aber auch monoton. Deshalb gehört eben lachen und laffere dazu.“

Die Stimmung in der Wärchstatt ist locker und entspannt, die Regeln hingegen sind für alle gleich und klar: Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit, Ehrlichkeit, Pünktlichkeit. „Wir minütelen nicht – wir sekündelen“, erklärt der Leiter. „Wo soll ich sonst die Grenze ziehen?“ Auch Gewalt wird nicht geduldet. Und die Personen müssen nüchtern sein – kein Konsum ausser Nikotin. Falls doch, arbeitet die Person an diesem halben Tag nicht.

Gartenbänke in jeder Farbe und Länge, Bistrotische, Teelichter, Mobile, Spielzeugküchen aus Holz, farbige Kinderstühle, Holzkugeln, Magnettafeln – die Ideen für Produkte kommen oft von den Teilnehmenden. Alles, was in der Wärchstatt hergestellt wird, kommt in den Hauseigenen Laden. Die Freude eines Teilnehmers, wenn „sein“ Produkt verkauft wird, ist hingegen unbezahlbar.

*Name geändert

 

Die Schweizer Tafel und Jobdach Wärchstatt


Crèmeschnitten, Wähen, Gipfeli, Sandwiches, Hörnlisalat – seit 12 Jahren liefert die Schweizer Tafel Region Luzern das Znüni und Zvieri der Wärchstatt. „Wir nehmen, was es hat“, so Pius Eberli. Der Verein hat kein Budget für Lebensmittel, ausser Sirup und Kaffee werden keine Lebensmittel gekauft. Die Pausen sind wichtig für das ganze Team. „Gibt es mal kein Zvieri, ist das eine Riesenenttäuschung. Unsere Leute verlassen sich darauf, dass es hier gratis etwas Feines zu essen gibt. Manche verzichten deshalb sogar auf das Mittagessen.“ Was nicht gegessen wird, können die Teilnehmenden abends mitnehmen. Bleibt dann noch etwas übrig, geht das ans Drop-In, eine Institution der Luzerner Psychiatrie für Langzeit-Drogenabhängige.

Neben der Wärchstatt beliefert die Schweizer Tafel auch die Notschlafstelle des Vereins Jobdach.