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«Ohne Lieferungen der Schweizer Tafel könnten wir nicht existieren. Sie sind essenziell für uns.»

Alice Zbinden

Wo die wilden Kerle spielen

Im Kerbholz 28 bekommen Kinder, die von der Schule ausgeschlossen worden sind, Raum und Zeit zum Sein. Seit über fünf Jahren beliefert die Schweizer Tafel die Waldschule im Raum Bern. Gekocht wird auf offenem Feuer, gegessen unter den Dächern der Bäume. Reportage aus dem Wald. 

«Soll ich dir zeigen, wie man Brennnesseln anfassen kann, ohne dass sie brennen?» Samuels* Augen funkeln, mit grossen Schritten schreitet er an den Wegrand, wohlwissend, dass die Besucherin ihm folgt. Gezielt berührt er die Brennnessel und erklärt: «Fasst man die Blätter ganz gerade von oben und unten an, brennen sie nicht. Ich weiss viel über die Natur. Das hier beispielsweise – weisst du, was das ist? Es ist wilde Minze. Wir machen daraus unseren Tee.» Sein Wissen habe er aus Büchern. Es interessiere ihn eben. Nun baut er ein kleines Gärtchen für die Minze, die er ziehen will. Er legt ein Gitter über das Kraut zum Schutz vor den Rehen, «die auch Hunger haben».

Es ist erst Samuels dritter Tag in der Waldschule Kerbholz28. Doch der zehnjährige Junge weiss schon, dass es vor dem Mittagessen eine Schweigeminute gibt – und leitet sie an diesem Donnertagmittag erstmals an. Die ganze Gruppe sitzt ruhig vor den Tellern. Für manche sind es lange Sekunden, Samuel hingegen zählt innerlich gemächlich bis auf 60.

KerbHolz28 Waldschule

Pause vom Schulsystem

«Die Schweigeminute machen wir aus Dankbarkeit für das, was wir essen dürfen und in Gedenken an die Menschen, die wenig oder nichts zu essen haben», erklärt Alice Zbinden. Sie ist die Gründerin, Schul- und Geschäftsleiterin der Waldschule. Nach Berufsjahren im Gartenbau, hat sie sich an der Rudolf-Steiner-Schule zur Pädagogin ausgebildet. Ihr Wunsch war es, in der Prävention zu arbeiten: Selbst Mutter zweier heute erwachsener Töchter, die sich in der Schule gelangweilt haben und anders, als für das Schulsystem vorgesehen, begabt waren, gründete sie vor 14 Jahre das Kerbholz28.

In der Waldschule drückt kein Kind die Schulbank, zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Das Kerbholz28 ist ein Ort für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 14 Jahren, die im Schulausschluss sind oder eine Pause vom Schulsystem brauchen. Die 28 im Kerbholz bezieht sich auf den Gesetzesartikel des Volksschulgesetzes des Kantons Bern. Er «ermächtigt Lehrpersonen und Schulleitungen, gegenüber fehlbaren Schülerinnen und Schülern diejenigen Massnahmen zu ergreifen, die zur Aufrechterhaltung eines geordneten Schulbetriebs nötig sind.»**

Werden Schülerinnen oder Schüler vom Unterricht ausgeschlossen, so haben sie meist zwölf Wochen Zeit, sich zu «besinnen oder bessern» oder eine Reizüberflutung zu verarbeiten. Im Kerbholz28 erhalten sie die Möglichkeit, ihre Ressourcen zu entdecken und neues Vertrauen in sich und die Welt zu gewinnen. Auf der Website wird das wie folgt beschrieben: «Durch investigatives Lernen lernen Schüler und Schülerinnen weiter ohne den gewohnten Unterrichtsstress. Sie erkennen im Verlauf der Zeit, dass sie ihr vorhandenes Wissen aus der Schule täglich anwenden können und wofür sie bis jetzt gelernt haben. Dies ist eine Erkenntnis, die sie Erwachen und den Sinn der Schule in neuem Licht sehen lässt und den Wunsch nach weiterem Lernen fördert. Sie bauen, kochen, kaufen ein. Geschult wird die Naturwahrnehmung, das kleine Ökosystem Wald das mit dem Globalen verbunden ist.»

Lernen durch Erfahren

An diesem regnerischen Donnerstag gibt es zum Zmittag Chinesisch: Reis mit Gemüse, gut gewürzt. Das Essen ist vegetarisch, gekocht wird auf Feuer. Die Küche ist unter freiem Himmel, überdacht mit einer Blache. Nichts wirkt improvisiert: Über den Backofen wird der Herd geheizt, der Kühlschrank ist ein fast 2 Meter tiefes Loch, bedeckt mit Laub. Und doch wird es durch die Reduktion der Infrastruktur möglich, alle Bedürfnisse des Alltags mit eigener Kraft zu leisten und seinen Teil dazu beizutragen. Kinder lernen durch erfahren. Die direkte Auseinandersetzung – beispielsweise mit den Lebensmitteln und den Essgewohnheiten – wird gefördert. Was ist in den Lebensmitteln enthalten? Was bedeuten die verschiedenen Deklarationen auf den Packungen? Und was lösen wir mit unserem Verhalten aus, wenn wir unserer Umwelt nicht Sorge tragen?

Jeden Dienstagmorgen liefert die Schweizer Tafel Region Bern Lebensmittel. Das Team des Kerbholz28 wählt bewusst nur biologische Lebensmittel, denn der Kompost ist hinter dem nächsten Baum. Alice Zbinden über die Schweizer Tafel: «Ohne Lieferungen der Schweizer Tafel könnten wir nicht existieren. Sie sind essentiell für uns.»

Wenn Herr Wut kommt

Die fünf hungrigen Jungs, die heute in der Waldschule sind, loben das Essen. Zwei halfen Gemüse rüsten und Äpfel für das Dessert vorbereiten. Dass jeder drei Esslöffel Reibkäse über seinen chinesischen Reis streut, nimmt Alice Zbinden mit Humor. Wie so vieles, was sie erlebt und gehört hat. Oft müsse sie lachen, wenn sie höre, was die Jungs angestellt haben. «Es sind Buebestreichli – und wenn es sich kumuliert, werden sie von der Schule ausgeschlossen. In unserer Gruppe ist es oft ruhig. Doch manchmal passiert etwas, so dass man denkt: Stimmt, deshalb ist dieser Junge im Moment bei uns.»

Manchmal komme beispielsweise der Herr Wut und mache etwas kaputt, erzählt Joshua*. «Wie bei Fabrice, der die Brücke hinter der Küche über dem Bach kaputt geschlagen hat.» Alice Zbinden lacht: «Tja, wir haben wohl die Brücke einfach nicht gut genug gebaut.»

Joshua ist seit zwei Monaten im Kerbholz. «In drei Wochen muss ich wieder in die Schule. Hier ist es viel cooler. Aber ich gehe zurück», meint er verschmitzt. So sehen es alle Kinder, die ins Kerbholz kommen, erzählt Alice Zbinden: Im ersten Monat wollen sie nie mehr zurück in die Schule, im zweiten Monat beruhigen sie sich und im dritten Monat freunden sie sich mit dem Gedanken an, zurück in ihre Klasse oder eine andere Schule zu gehen. «Aber kein Kind wehrt sich, zu uns zu kommen. Sie wissen ganz genau, dass das ihre letzte Chance ist.»

Warum ist Joshua hier? «Ich habe mich immer geprügelt und die anderen verhauen. Warum, weiss ich auch nicht so genau», erzählt der Elfjährige. Und man glaubt ihm gerne, dass er nach den Monaten im Wald mit Alice Zbinden, ihrem Team und den anderen Kindern selbst nicht mehr genau weiss, warum er keinen anderen Ausweg fand als Gewalt.

Handwerken, sitzen, aushalten

Zurzeit sind sechs Jungs in der Waldschule. Fünf davon treffen sich jeden Morgen kurz vor neun Uhr am Bahnhof Bern, fahren gemeinsam mit zwei Betreuern mit dem Postauto aufs Land und laufen 30 Minuten in den Wald. Unterwegs kaufen sie im Dorfladen das Notwendige für den Tag ein. Der sechste Junge der Gruppe ist im Moment in Einzelbetreuung. «Geht es mit einem Kind in der Gruppe nicht, dann kümmert sich einer aus unserem vierköpfigen Team um ihn. Gespräche, laufen, handwerken, sitzen, aushalten. Jeweils am Mittwoch sind wir mit der ganzen Gruppe nicht im Wald. Alle Kinder treffen aufeinander und wir schauen, ob das Kind in Einzelbetreuung wieder in die Gruppe integriert wird. Das ist wichtig, damit es nicht den Anschluss verliert», erklärt Alice Zbinden ihr Konzept.

Kein Urteil fällen

Mädchen sind keine im Kerbholz28. Alice Zbinden kennt die Gründe: «Mädchen lernen, dass Gewalt als unweiblich gilt. Wenn sie ihre Aggressionen mit Gewalt lösen, kommen sie in einen inneren Konflikt. Zudem werden Mädchen weniger als Täterinnen wahrgenommen. Sie werden alleine gelassen und so kommt es, dass sie nicht verurteilt, dafür aber die Opfer stigmatisiert werden durch Aussagen wie: Die sind eh selber Schuld oder haben ein psychisches Problem. Die Opfer werden in eine andere Klasse versetzt. Oder aber man merkt zu lange nicht, was innerhalb einer Clique abgeht. Und dann ist es zu spät für uns. Das betroffene Mädchen braucht dann andere Betreuung, meist leider in einer Klinik.»

Die Umstände, warum ein Kind ins Kerbholz28 kommt, sind für Alice Zbinden nicht relevant. «Jedes Kind erzählt früher oder später seine Geschichte – und das reicht mir. So wie es erzählt, ist es seine Sicht. Man spürt sehr schnell, was stimmt und was nicht. Ich urteile nicht darüber.»

*Namen der Kinder aus Persönlichkeitsschutz geänder

** Quelle: Seite 8 in http://www.erz.be.ch/dam/documents/ERZ/AKVB/de/09_Schulleitungen_Lehrpersonen/sl_lp_Unterlagen_unterrichtsausschluss_leitfaden_d.pdf