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«Wenn man sozial gut vernetzt ist, ist es möglich zu überleben.»

Ruth, regelmässige Besucherin der Kirchlichen Gassenarbeit Bern

Ein würdevolles Leben für alle

Menschen, die auf der Gasse leben, entsprechen den gesellschaftlichen Standards nicht. Für die Kirchliche Gassenarbeit Bern ist das noch lange kein Grund, ihnen die Chance auf ein würdevolles Leben zu verwehren. Der Verein nimmt Lebensmittel von der Schweizer Tafel entgegen und gibt sie kostenlos an Armutsbetroffene weiter.

«Hier in der Schweiz herrscht so viel Überfluss. Mit dem Null-Franken-System komme ich irgendwie über die Runden», erklärt Ruth. Sie gehört zu den regelmässigen Besuchern der Kirchlichen Gassenarbeit an der Speichergasse in Bern. Hier können sich Menschen austauschen, miteinander Kaffee trinken, Essen und Kleider holen oder sich von einer Gassenarbeiterin beraten lassen. Sie haben eines gemein: «Sie verbringen den grössten Teil ihrer Zeit auf der Strasse und sind von Ausgrenzung betroffen», sagt die Gassenarbeiterin Eva Gammenthaler. Im Raum sind die unterschiedlichsten Menschen versammelt. Junge Punks; Menschen, die im Wald leben; Migrantinnen und Migranten, Working Poors, drogensüchtige Menschen und armutsbetroffene Rentner. Das Angebot der Kirchlichen Gassenarbeit ist niederschwellig. Es soll jeder hierher kommen, der möchte. An diesem Ort ist man willkommen. Man wird akzeptiert. Man bleibt anonym. Es gibt keinen Papierkram. Keine Aktennotiz. Und es werden keine unangenehmen Fragen gestellt. Im Gegenteil: Es wird geholfen, sei‘s bei einem Rechtsstreit, bei finanziellen Fragen oder wenn man Kondome braucht. «Wir wollen diesen Leuten einen Ort bieten, an dem sie sich vernetzen können und Beratung erhalten.» Blickt man in die Runde, herrscht friedliches Miteinander. Die Rentnerin unterhält sich mit dem Punk, der Migrant mit dem Waldmenschen. In dieser Durchmischung entstehe Solidarität.

Niemand ist davor gefeit

Die 57-jährige Ruth bezeichnet sich selbst als Opfer medizinischer Willkür. «Nach einer langen Odyssee quer durch die verschiedenen Behörden, hat mir die IV den Hahn zugedreht.» Die meisten Nächte verbringt sie in einem Zelt, das auf einem Gelände eines Bauern steht. Er hat ihr sogar eine Feuerstelle zur Verfügung gestellt. Für sie habe es etwas Entlastendes, wenn sie nicht ständig überlegen müsse, was sie noch alles einkaufen sollte. «Ich passe nicht in dieses System», sagt sie. Doch rosig schaut ihre Welt bei Weitem nicht aus. Die finanziellen Sorgen drücken. Sie bräuchte medizinische Betreuung. Die Folgen ihrer Autoimmunkrankheit und die Polyarthritis belasten sie schwer. Doch der Besuch eines Arztes ist für sie wie eine Fata Morgana. Was ihr grösster Wunsch ist? «Nebst eines Arztbesuches möchte ich gerne wieder einmal zeichnen oder malen.»

 «Es braucht nicht viel, um in die Armutsfalle zu geraten und auf der Strasse zu landen. Es kann jeden treffen. Dich genauso wie mich», sagt Gassenarbeiterin Gammenthaler. Häufig beginnt es mit einem einschneidenden Erlebnis wie ein Jobverlust oder der Verlust des Partners. Das löst oft eine Kettenreaktion aus. Bei Ruth hat alles mit einem harmlosen Zeckenbiss begonnen, der sich im Nachhinein als gefährlich erwiesen und ihr immer grössere Probleme gemacht hat.

 Loki bezeichnet sich als Stadtnomade. Er kommt regelmässig in die Räumlichkeitetn der Gassenarbeit Bern

Aussteiger, Rebell und Stadtnomade

Der 41-jährige Loki ist Stadtnomade. Er bezeichnet sich selbst als Aussteiger und Anarchist. Die Stadtnomaden wohnen in Bauwagen an einem ihnen zugewiesenen Platz in der Stadt Bern. Bis zu seinem 26. Lebensjahr hat Loki stets temporär auf dem Bau gearbeitet. «Jöpplet haut. Mau hie, mau da.» Danach zog es ihn ins Ausland. Er reiste quer durch Italien. Übernachtet habe er in leeren Hütten, Garagen, Scheunen etc. «Fast zwei Monate habe ich vor der Banca di Roma in Genua campiert. Die Carabinieri haben mich gekannt und geduldet – ich bin der «svizzero svitato (verrückter Schweizer) gewesen», sagt er und beim Lachen kommt seine grosse Zahnlücke zum Vorschein. Der gelernte Zimmermann hält sich mit gelegentlichen Auftragsarbeiten über Wasser. «Im Winter bettle ich.» Der Luxus fehle ihm manchmal schon. «Es wäre schön, wenn Bett und Dusche auf demselben Quadratkilometer wären.» Wenn er drei Wünsche offen hätte, dann hätte er gerne neue Zähne und einen neuen Rücken, sagt Loki. Der dritte Wunsch würde er sich aufsparen. Für schlimmere Zeiten.

Angebote für Obdachlose sind Mangelware

Donnerstags bringt die Schweizer Tafel jeweils kostenlos Lebensmittel zur Kirchlichen Gassenarbeit. Ruth, die seit elf Jahren auf der Gasse lebt, schätzt dieses Angebot sehr. Die quirlige, humorvolle Frau weiss, wo sie ihre Sachen beschaffen muss. Lebensmittel holt sie sich beim offenen Kühlschrank, Zigaretten findet sie bei den Veloständern am Bahnhof, Kleider bei der Gassenarbeit. Sie sagt: «Wenn man sozial gut vernetzt ist, ist es möglich zu überleben.»

Die Gassenarbeitenden bei der Kirchlichen Gassenarbeit setzen sich menschlich, akzeptierend und anwaltschaftlich für ihre Klienten ein. Das ist Teil ihrer Grundhaltung. Es gebe zu wenig niederschwellige Angebote für Obdachlose, speziell für junge Erwachsene. Auch ein spezifisches Angebot für Sexarbeiterinnen wäre dringend nötig. Begegnungsorte ohne Konsumzwang fehlen gänzlich in der Stadt Bern. Was Gammenthaler, die empathische junge Frau mit ihrer erfrischenden und ungezwungenen Art, an der Gesellschaft bemängelt, ist die fehlende Akzeptanz für das Anderssein und für alternative Lebensformen. «Diese Menschen haben ein würdevolles Leben verdient – genauso wie alle anderen auch. Man sollte sie genauso akzeptieren, wie sie sind. Auch wenn sie nicht den gesellschaftlichen Standards entsprechen.» In diesem Sinne wünscht sie sich mehr Verständnis und Mitgefühl für Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben.

 Einmal in der Woche beliefert die Schweizer Tafel die Kirchliche Gassenarbeit Bern mit Lebensmitteln.

Kurzinfo zur Kirchlichen Gassenarbeit in Bern:

Die Kirchliche Gassenarbeit Bern leistet aufsuchende Sozialarbeit und betreibt ein offenes Büro zweimal in der Woche. Das bedeutet, dass die Gassenarbeitenden auf die Menschen zugehen und ihnen ihre Hilfe anbieten. Die Kirchliche Gassenarbeit berät und begleitet Menschen aus dem Lebensraum Gasse mit dem Ziel der Schadensminderung und Prävention. Sie orientiert sich an den Grundsätzen der Akzeptanz, Freiwilligkeit, Niederschwelligkeit und Parteilichkeit. Sämtliche Dienstleistungen sind für Betroffene kostenlos und können anonym genutzt werden. Die Kirchliche Gassenarbeit ist behördenunabhängig und arbeitet vertraulich. Verschiedene katholische und reformierte Kirchgemeinden finanzieren den Verein. Zusätzliche kirchliche und private Spenden speisen den bestehende Unterstützungsfonds. Mit diesen Mitteln werden einzelne Personen in schwierigen Lebenslagen punktuell unterstützt und besondere Projekte finanziert.

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