Spenden Kontakt
portrait

«Es ist besonders wertvoll für Migranten, wenn sie Kontakt mit frankophonen Personen haben»

Rachel Berry

Eine Frage der Haltung

Alle Menschen möchten sich sicher fühlen. Doch nicht jeder hat das Glück, hier auf die Welt zu kommen. Für Hossein Alipoor und seine Familie war leben im Iran nicht mehr möglich. Sie flohen und kamen vor sechs Jahren in die Schweiz. Im Rahmen eines Programmes arbeitete Hossein Alipoor bei der Schweizer Tafel Region Waadt, heute hat er eine Festanstellung. 

Sein Blick ist offen, seine Augen strahlen Wärme aus, sein Lachen ist herzlich. Doch Hossein Alipoor ist müde. Seit morgens um vier Uhr ist er unterwegs, transportiert Früchte und Gemüse vom Produzenten zu Verkaufsstellen für ein privates Unternehmen. Heute sei er bei einer sozialen Institution, welche auch sein Arbeitgeber beliefere, zufällig auf seinen ehemaligen Arbeitskollegen bei der Schweizer Tafel gestossen, erzählt er. Sie hätten sich kurz ausgetauscht, doch dann mussten beide weiter.

Hossein Alipoor, ursprünglich aus Afghanistan und gelernter Schneider, kam mit seiner Frau und ihren zwei Kindern 2010 in die Schweiz. Warum? „Leider ist es seit 40 Jahren nicht möglich, ein sicheres, geregeltes Leben in Afghanistan zu führen“, erzählt er in fliessendem Französisch. „Wir lebten lange im Iran, doch uns wurde die Aufenthaltsbewilligung entzogen. Deshalb mussten wir das Land verlassen."

Heute Nachmittag sitzt er zusammen mit seiner ehemaligen Beraterin des EVAM Sozialdienstes, Rachel Berry, und Baptiste Marmier, Regionenleiter der Schweizer Tafel in St. Sulpice (VD) am Tisch und trinkt einen Kaffee. Hossein Alipoor, 38 Jahre alt, hat das geschafft, wovon viele Flüchtlinge träumen: Er hat eine feste Stelle, ist finanziell unabhängig und seit wenigen Wochen hat er die Aufenthaltsbewilligung (Ausweis B) erhalten.

„An Hossein Alipoor hat mich immer seine unglaubliche Motivation und sein Wille fasziniert. Es war ihm wichtig, selbstständig zu sein. Dazu kommt der starke Zusammenhalt in der Familie. Die Arbeitssuche war ein familiäres Projekt, sie haben jeden Schritt geplant und dafür grosse Opfer gebracht“ so Rachel Berry, Sozialarbeiterin bei EVAM. EVAM (Etablissement vaudois d’accueil des migrants) unterstützt und begleitet alle im Kanton Waadt wohnhaften Asylsuchenden und vorläufig aufgenommen Flüchtlinge finanziell und sozial. „Herr Alipoor und ich haben eine lange Geschichte zusammen. Vieles haben wir ausprobiert. Mechaniker, Dachdecker – es war einfach nie das Richtige und teilweise sehr frustrierend. Dann hatte Herr Alipoor die Idee, als Chauffeur zu arbeiten und so ging ich auf Baptiste Marmier von Table Suisse zu.“

Seit vielen Jahren beliefert die Schweizer Tafel die Asylunterkünfte von EVAM mit Lebensmitteln. Vor drei Jahren fragte EVAM an, ob die Schweizer Tafel bereit wäre, als externer Partner einen Ausbildungsplatz anzubieten. Baptiste Marmier willigte sofort ein. Erst als Pilotprojet lanciert, ist die Zusammenarbeit mittlerweile fester Bestandteil. „Es ist besonders wertvoll für Migranten, wenn sie Kontakt mit frankophonen Personen haben“, so Rachel Berry.

„Fast alle Personen, die bei uns waren, haben heute eine Festanstellung,“ weiss Baptiste Marmier. „Sie sammeln Arbeitserfahrung und lernen die Sprache sowie andere Leute kennen.“ Durch den Kontakt im Team und mit den Abnehmern und Spendern geschieht Integration auf natürliche Art und Weise. Mit den Personen, die von EVAM vermittelt werden, macht Baptiste Marmier jeweils Zielvereinbarungen. Für Hossein Alipoor bedeutete das: Französisch verbessern, lernen für sich einzustehen, Gespräche zu führen sowie den Chef anzurufen! „Mit Hossein machte ich ab, dass er jeden Morgen "20minutes" liest und mir den Inhalt eines Artikels zusammenfasst. Danach besprachen wir die Wörter, welche er nicht verstand.“ Doch zur Integration gehört nicht nur die Sprache: „Hossein musste jeweils um 7.15 Uhr hier sein. Er kam zu Beginn immer um 7.13 oder 7.14 Uhr. Er war also pünktlich. Doch ich erklärte ihm, dass er früher da sein muss, wenn er in der Schweiz eine Arbeitsstelle finden will, also 5-10 Minuten vor Arbeitsbeginn, so dass er noch einen Kaffee trinken und um 7.15 Uhr starten kann.“ Hossein Alipoor nahm sich den Rat zu Herzen. „Ab diesem Zeitpunkt warst du um 6.55 da“, erinnern sich die Beiden.

„Bei den Zielen geht es eben nicht nur um konkrete Ziele,“ erläutert Rachel Berry. „Durch die Besprechungen erklären wir den Migranten, was von ihnen erwartet wird. So können sie die Regeln und die Mentalität in der Schweiz kennenlernen und verstehen. Faktoren wie beispielsweise Pünktlichkeit sind für Migranten oft nicht klar – wie sollen sie es auch wissen, wenn es ihnen niemand sagt. Doch sie sind wichtig, damit Integration möglich wird.“

Als Hossein Alipoor zur Schweizer Tafel kam, konnte er noch nicht Auto fahren. Das heisst: er konnte „doch nur nach afghanischer Art. Und dort gibt es keine Regeln“, erinnert er sich lächelnd. So war er während der ersten Wochen in seinem neunmonatigen Einsatz Beifahrer, bestand aber alsbald die Prüfung. Wie war das möglich? „Meine Frau hat den Betrag, den wir zum Leben bekommen haben, sehr gut eingeteilt. Wir lebten extrem sparsam. So war es mir möglich, die Fahrprüfung zu machen. Leider bin ich die ersten zwei Male durchgefallen“, lacht er. Baptiste Marmier begleitet Hossein Alipoor eng – auch aus Sicherheitsgründen. Zuerst fuhr er mit ihm mit, um ein Gefühl für Hossein und seine Fahrkenntnisse zu bekommen. Danach setzte er langjährige Freiwillige ein, die mit ihm unterwegs waren und sprach mit ihnen ab, wo Hossein selbstständig fahren kann.

Rachel Berry: „Es war wichtig für Herrn Alipoor, dass er jemanden wie Baptiste Marmier hinter sich hat, der ihn fördert.“ Dieser relativiert, es sei das ganze Team, welche die Flüchtlinge unterstützen. Vor allem die Freiwilligen hätten Hossein immer wieder ermutigt, französisch zu reden. „Klar war es zu Beginn schwierig, weil er unsere Sprache nicht so gut kannte. Doch wir haben alle gespürt: Er ist offen und will lernen.“ Nun lernt der Hossein Alipoor für die LKW-Prüfung, um flexibler und unabhängiger auf dem Arbeitsmarkt zu sein.

Er erinnert sich gerne an die Arbeit bei der Schweizer Tafel. Er lernte den Kanton Waadt kennen und wurde selbstsicherer im Umgang mit seinen Arbeitskollegen und seinem Chef. „Baptiste hat mir eine grosse Chance gegeben. All das verdanke ich aber vor allem auch Madame Berry. Dank ihr habe ich heute Arbeit.“ Warum ist denn Arbeit so wichtig? „Ich arbeite seit dreissig Jahren“, sagt der heute 38-Jährige. „Arbeit ist wichtig – jeder muss arbeiten, ich kann nicht immer zu Hause sein. Das Schönste für uns wäre, wenn nun auch meine Frau eine Stelle finden würde.“

Hossein Alipoor ist das, was man „perfekt integriert“ nennt. Was braucht es dafür? „Mir entspricht die Mentalität in der Schweiz, ich mag es strukturiert, geregelt und bin ehrlich. Das wird hier geschätzt.“ Doch gibt es nicht auch Dinge, die man als Flüchtling in einem fremden Land wie ein Kind neu lernen muss? Hossein Alipoor: „Ja, das stimmt, doch es ist nicht nur eine Frage der Kultur. Entscheidend ist auch die persönliche Haltung, ob Integration gelingt und ob man sich anpassen kann.“ Familie Alipoor kann.