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«Die Schweizer Tafel integriert»

Harry Korol

«Die Schweizer Tafel ist ein Sprungbrett»

Die Liebe zu seiner Frau brachte Harry Korol in die Schweiz. Der gelernte Fotograf war viele Jahre ohne feste Arbeitsstelle. Vor zweieinhalb Jahren kam er zur Schweizer Tafel. Seither geht es in seinem Berufsleben wieder aufwärts. Heute arbeitet er  in der Migros und hilft noch gelegentlich bei der Schweizer Tafel aus.

«Die Anzeige sah meine Frau. Die Schweizer Tafel in St. Gallen suche freiwillige Helfer. Du bist sozial und gerne mit anderen Menschen zusammen, meinte sie. Ich rief an, und konnte mich wenige Tage später vorstellen. Ich war nervös, doch ich hatte ja nichts zu verlieren. So lernte ich Susanne Lendenmann, die Regionenleiterin, kennen. Seit Herbst 2012 bin ich freiwilliger Helfer bei der Schweizer Tafel. Nach der langen Zeit ohne Arbeit war ich froh, wieder eine Beschäftigung zu haben. Die Jahre zuvor war ich Hausmann, habe gekocht, geputzt und die Wäsche gemacht.
Durch die Schweizer Tafel lernte ich die Schweiz von einer anderen Seite kennen. Ich habe einen Blick hinter die Kulissen der sozialen Gesellschaft werfen können. Man weiss, dass die Schweiz ein reiches Land ist. Die Armut ist versteckt. In meiner Heimatstadt Hamburg ist das anders, Armut ist sichtbarer. Wenn man die Augen offen hat, sieht man die Not der Menschen auch in St. Gallen.

Zurück in die Gesellschaft

Mir geht es finanziell gut, meine Frau macht Karriere und ich hatte von ihr nie Druck, dass ich Arbeit finden muss. Trotzdem lebte ich am Rand der Gesellschaft, war nicht mehr viel unter Menschen. Durch die Schweizer Tafel wurde ich wieder in unsere Gesellschaft integriert. Die Tafel gibt Menschen wie mir – ohne Arbeit und mit Migrationshintergrund – eine Chance. Und sie ist ein Sprungbrett für den ersten Arbeitsmarkt. So war das bei mir. Man lernt so viele Leute und Firmen kennen.
Ich beispielsweise lernte Benjamin Lutz kennen. Er machte Zivildienst bei der Tafel und arbeitet als Bereichsleiter bei der Migros Herisau. Benjamin Lutz hat mir sozusagen das Leben gerettet. In meinem Alter – ich bin 47 – will man Arbeit, es ist ein Privileg, arbeiten zu dürfen. Benjamin und ich waren immer zusammen unterwegs. Wir haben uns gut verstanden und ich sagte ihm, dass ich schon lange arbeitslos bin. Er meinte, dass sie einen Magaziner suchten. "Gib mir deine Blindbewerbung, ich werde sehen, was ich machen kann", sagte er. Einen Monat später hatte ich ein Vorstellungsgespräch im Grossacker Silberturm bei Filialleiter Kurt Eggimann. Am Anfang hatte ich das Gefühl, das schaffe ich nicht. Mittlerweile bin ich seit über einem Jahr bei der Migros. Vor wenigen Monaten konnte ich mein Pensum auf 80% aufstocken und kenne mittlerweile verschiedene Bereiche: Ich war in der Molkerei, beim Brot backen und später absolvierte ich den Kassenkurs. Ich bin ja gerne mit Menschen in Kontakt.

Selbstvertrauen zurückgewinnen

Die Schweizer Tafel und das Team haben mir sehr viel Selbstwertgefühl zurückgegeben. Hier lernte ich wieder, Verantwortung zu übernehmen – dass ich es schaffe, gab mir sehr viel Selbstvertrauen. Ich kam wegen meiner Frau in die Schweiz. Ich habe damals im Ausland gelebt, meine jetzige Frau hat dort Urlaub gemacht. Ich wollte eigentlich zurück nach Deutschland, bin dann aber mit einem Koffer in die Schweiz gekommen. Ich hatte nichts. Das ist nun acht Jahre her. Es war nicht einfach. In der Schweiz habe ich zwischenzeitlich in einer Firma für Kontaktlinsen gearbeitet, aber mir wurde gekündigt. Die Firma hatte zu wenig Arbeit. Danach war ich beim RAV, wo ich viele Kurse besuchen konnte. Irgendwann war ich ausgesteuert und vom Geld meiner Frau abhängig. 2009 haben meine Frau und ich geheiratet. Ich habe sehr viel Glück mit ihr.

Das Trauma nach dem Krieg

Ich habe immer gehofft, dass für mich wieder ein Türli aufgeht. Ich bin ursprünglich Fotograf. Viele Jahre war ich als Kriegsfotoreporter im Kosovo, damals 34 Jahre alt. Ich habe für das deutsche Militär gearbeitet. Schon als ich 14 Jahre alt war, wollte ich Krisenberichterstatter werden. Zwar wollte ich Redaktor werden, doch schreiben ist nicht meine Stärke. Mit Bildern kann man auch sehr viel ausdrücken.
Der Krieg ist grausam. Ich sah viele Leichen und Menschen, denen Gewalt und unvorstellbare Grausamkeiten angetan wurden – man will das nicht sehen. Ich hatte mehrere traumatische Erlebnisse. Man fährt halt raus, im Schutzanzug auf dem Panzer. Es ist Krieg. Wir hatten zwar sogenannte Role-Player-Kurse, aber keine psychologische Betreuung. Nach vier Jahren konnte ich nicht mehr sehen. Wortwörtlich. Das war natürlich psychosomatisch. Ich ging dort zum Arzt.

Halt bekommen

Nach dem Krieg ging ich nach Gran Canaria und habe ein Restaurant betrieben. Dort habe ich eines Abends meine Frau kennengelernt. Auch dank ihr konnte ich vieles, was ich erlebt habe, verarbeiten.
Früher konnte ich nicht durch einen Tunnel fahren, ich bekam sofort Schweissausbrüche. Mit der Hilfe einer Neurologin habe ich das in den Griff gekommen. Ich habe einfach versucht, meine Psyche wieder zu stabilisieren und mich ohne Medikamente in den Griff zu bekommen. Aber das hat lange gedauert, das besserte erst in den letzten zwei Jahren. Susanne und die Schweizer Tafel haben mir auch Halt gegeben.

Klinken putzen

Meine jetzige Arbeit macht mir wirklich Spass. Ich bin oft eingesprungen, und klar: Ich habe Klinken geputzt. Jetzt bin ich bei der Migros ein Allrounder. Den Kontakt mit den Kundinnen und Kunden gefällt mir besonders. Immer mal wieder komme ich zur Schweizer Tafel. Es ist eine tolle Truppe. Ich bin meistens Beifahrer und oft mit Erich unterwegs. Er kennt jede Ecke. Mit ihm ist es immer sehr lustig. Es gibt selten Schwierigkeiten, wir ziehen alle am gleichen Strick.
Für mich geht es bei der Schweizer Tafel nicht nur um Armutslinderung, sondern auch um Integration. Früher war ich immer in der Defensive, durch die Schweizer Tafel wurde ich wieder aktiv. Aber das ist sicher bei jedem Mensch anders. Die Schweizer Tafel zeigte mir, dass der Weg in die Gosse manchmal nah ist. Job weg, Frau weg – das sollten wir uns alle klar sein.
Heute lebe ich bewusster, gehe anders mit Lebensmitteln und Geld um, kaufe Nahrungsmittel aus der Region. Mittlerweile fotografiere ich auch wieder. Susanne Lendenmann, Kurt Eggimann und Benjamin Lutz haben mir im übertragenen Sinn das Leben gerettet. Ich habe richtig Gänsehaut, wenn ich daran denke, was im letzten Jahr alles passiert ist: ich habe einen Job, ich habe ein Einkommen, ich bin versichert und ich kann Weiterbildungen machen. Das bedeutet auch Glück.»