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«Nachts zeigte die Belastung ihr Gesicht»

Rolf Demuth

Aus dem Leben eines Regionenleiters

Als der Zivi im Container verschwand

Bei der Anmeldung und Vertragsunterzeichnung erklärte mir der Uni-Abgänger und künftige Zivildienstleistende Marco L. ausführlich, was ein Trasher ist. Er gehöre in Zürich zu einer WG, die ausschliesslich von Lebensmitteln aus dem Abfall lebe.

 

Bis Marco L. seinen Dienst antrat, hatte ich diese merkwürdige Story vergessen. Doch an seinem ersten Arbeitstag wollte es der Zufall, dass ich einspringen und ihn einführen musste.

Als wir bei Aldi parkierten, bemerkte ich seine Nervosität noch nicht. Ich anerbot mich, die Glocke zu betätigen, damit das Personal die Rampentüre öffnen konnte. Zurück bei unserem Kühlfahrzeug fehlte Marco L.. Einzig die sechs Grün-Kompost-Behälter fielen mir auf, sie waren geöffnet. Ich fragte die Aldi-Angestellte, ob sie meinen Mitfahrer gesehen habe. Ob er vielleicht im Laden sei? Sie verneinte.

Die Geräusche, die ich alsbald wahrnahm, machten mich stutzig. Vier Metallcontainer waren die Quelle der Töne. Ich öffnete den ersten – und wer kroch dort am Boden rum und sammelte entsorgte Nahrungsmittel? Marco L. mit strahlenden Augen. Sofort erklärte er mir, was er gesichtet und «sicherstellen» wolle. «Zum Dessert gibt’s Früchte aus den Kompost-Behältern. Sie sind einwandfrei.» Er werde alles mit in seine WG nehmen, das reiche für eine ganze Woche. Meine fast schon hysterische Drohung, ihn fristlos freizustellen, verfehlte ihre Wirkung nicht gänzlich. Zwar kletterte Marco L. nicht mehr in Container. Doch bei allen Abholstationen – und das während vier vollen Wochen – bekam er wässrige Augen, kaum sah er die Entsorgungsbehälter. Zum Glück fing er nicht an zu weinen – ich hätte nicht gewusst wie reagieren! Vielleicht wären wir beide in einen Container gekrochen, um über die Problematik zu diskutieren.

Glück im Unglück

Vor Jahren erwischte uns ein Wintereinbruch Ende März. Seit 5.00 Uhr schneite es, und die Räumungsarbeiter hatten bedenkliche Rückstände. Unsere Autos standen vor dem Lager an einer steilen Strasse.

Als drei meiner Mitarbeiter ins Auto stiegen, warnte ich eindringlich davor, unnötig auf die Bremsen zu treten. Kaum weggefahren, kam ihnen ein Bus entgegen – mehr schlitternd als fahrend. Der Zivildienstleistende am Steuer erschrak und trat auf die Bremse. Sofort rutschte das Kühlfahrzeug, schlitterte übers Trottoir und peilte eine kleine Böschung an. Einen Moment schwebte das Auto in der Luft. Es kam, wie es kommen musste: der Tafelwagen kippte auf der Seite in den Schnee. Meine drei heldenhaften Tafelritter stiegen – zum Glück unverletzt – einer nach dem anderen aus dem Beifahrerfenster. Ich alarmierte sofort die Polizei um die Strasse zu sichern. Noch schneller als die Polizei waren jedoch die Journalisten vor Ort…

Vier Stunden dauerte die Bergung des Autos. Ich warf immer wieder Schneehaufen an den Wagen in der Hoffnung, die Logos der Hauptpartner so verbergen zu können.

Der ereignisreiche Tag kam jedoch erst am Abend zu seinem endgültigen Höhepunkt. Nicht nur das Regionalfernsehen und «Schweiz aktuell», sondern auch die «Tagesschau» sowie «10vor10» berichtete über den Unfall, versehen mit anschaulichem Bildmaterial. Dank Beziehungen zu Medienleuten – ich war 15 Jahre in den Medien tätig – wurde nicht explizit erwähnt, dass es sich um einen Lieferwagen der Schweizer Tafel handelte. Und dank den komischen «Schneehaufen» sah niemand ein Logo. Zwar wurde auch über andere Unfälle berichtet, doch dass unser Unfall an erster Stelle kam, war angesichts des Ausmasses klar.

Die Grube im Wald

Was tun, wenn zuviel Ware im Auto ist und die Abgabemöglichkeiten erschöpft sind? Kurz nach der Eröffnung der Schweizer Tafel Region Luzern im Jahr 2003 stand ich öfters vor diesem Problem. Kreativität, Ideenreichtum und ein grosses Netzwerk sorgten zum Glück dafür, dass ich am Ende des Tages alle Lebensmittel verteilen konnte. Stolz und Dankbarkeit liessen auch nichts anderes zu.

Nachts im Bett zeigte die Belastung ihr Gesicht – in Form von Albträumen: So schlich ich mich Nacht für Nacht in den nahen Wald, einen kleinen Spaten in der Hand, und grub ein grosses Loch. Darin entsorgte ich alle Salate, das Gemüse, die Früchte, die damals nicht sofort Absatz fanden. Das Loch bedeckte ich mit Zweigen, so dass ich es in der Nacht darauf weiter füllen konnte. Schweissgebadetes Erwachen wurde zum Normalfall am Morgen.

Als ich den anderen Regionenleitern von meinem nächtlichen Trauma erzählte, bekam die Geschichte ein Eigenleben. «Hoi Rolf, hast du noch Platz in deiner Grube im Wald?», lautet die neckische Frage auch heute noch, nach über zehn Jahren. Bei Waldspaziergängen aber, wenn ich an einer Grube vorbeigehe, überkommt mich das Gefühl aus der Pionierzeit und ich erlebe nachts den exakt gleichen Traum doch wieder. Nur Platz hat es keinen mehr…