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«Ich finde es nicht nur genial, was Sie tun, sondern auch notwendig.»

Sonja Dinner

«Wir müssen solidarisch sein»

The Dear Foundation unterstützt Projekte für Menschen in Not auf der ganzen Welt. Auch der Schweizer Tafel spendete die Stiftung 2016 den stattlichen Betrag von 40 000 Franken. Ein Gespräch mit der Gründerin Sonja Dinner über Eigenleistung, Spenden und Armut.

Sie sind eben zurückgekommen von einer Reise. Wo sind Sie gewesen?
Sonja Dinner: Gestern habe ich den Wirtschaftswissenschaftler Sir Paul Collier an einer Konferenz getroffen. Der Brite ist einer der stärksten Kritiker Angela Merkels Flüchtlingspolitik gewesen, nun hat sie ihn zum Berater gemacht. Das Gespräch mit ihm hat mich inspiriert.

Was ist der Ansatz der Stiftung The Dear Foundation?
Wir haben einen stark unternehmerischen Ansatz in der humanitären Hilfe. Bei uns dreht sich alles um die Befähigung von Menschen im eigenen Land – und das ist immer eine Form von Bildung.

Was heisst das für die unterstützten Projekte?
The Dear Foundation ist in der Basisbildung tätig. Wir wollen, dass jedes Kind lesen, schreiben und rechnen kann. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass im Notfall alleine sechs bis zwölf Monate Schulbildung genügen, damit ein Mädchen seine Kinder anders erzieht. Zudem hat ein gebildetes Mädchen nicht 13 Kinder. Vor allem in patriarchal geprägten Strukturen setzen wir uns dafür ein, dass Frauen auf eigenen Beinen stehen und ein würdiges Leben leben und vorleben können. Nur so bekämpfen wir massivste Armut.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?
In Ghana unterstützen wir beispielsweise viele Mikrokredite für Schneiderinnen, Handwerker und Coiffeursalons. Denn in Ghana geht man zweimal pro Woche zum Coiffeur: Er kostet wenig und hat die Funktion des Dorfplatzes. Das nutzen wir auch für uns: So haben wir eine grosse Informationskampagne über Brustkrebs initiiert. Gegen Brustkrebs kann man sich zwar nicht impfen, aber man kann ihn oft heilen, wenn man ihn früh erkennt. Wir haben eine App erstellt, wo ein Arzt erklärt, wie man sich selbst abtastet. Und ein Imam teilt den Musliminnen mit, dass sie das dürfen und dass die Männer ihre Frauen nicht verlassen sollen, wenn Brustkrebs diagnostiziert ist. Es geht in unseren Projekten immer um Bildung und Befähigung und dass Frauen unabhängiger von ihren Männern leben können.

 

Bei The Dear Foundation können Hilfswerke auch einen Antrag auf finanzielle Unterstützung stellen. Wie wählen Sie aus?
Das ist ganz schwierig. Zurzeit unterstützen wir weit über 100 Einzelprojekte. Als ich vor 11 Jahren unsere Stiftung gegründet habe, ist es mein hehrer Ansatz gewesen, fair zu sein. Ich habe schnell gemerkt, dass das unmöglich ist. Wir wägen ab, wo wir verlässliche Partner haben. Ethisch und moralisch ist das hart und ich habe nicht nur deswegen schlaflose Nächte. Auch wenn ich einem Kind auf einer Müllhalde in Guatemala die Fussnägeli schneide, stecke ich das nicht einfach so weg.

Sie bewegen sich auf sehr verschiedenen Ebenen. Wie machen Sie das?
Ich bin eine Grenzgängerin – vom Besuch bei den ärmsten Menschen bis zu Meetings mit Staatsoberhäuptern. Das macht uns aus und unterscheidet uns von anderen Organisationen. Wir wollen wissen, was die Bedürfnisse sind. Durch unseren Luxus der Selbstfinanzierung können wir auch vor Ort bleiben, wenn sich die Presse längst nicht mehr dafür interessiert.

Wie finanziert sich Ihre Stiftung?
Wir haben Vermögen, das möglichst gut angelegt ist. Dies finanziert die Struktur. Verwaltungskosten bezahlen wir aus dem Vermögen. Somit fliessen alle Spenden direkt in die Projekte. Und wenn jemand unseren betriebswirtschaftlichen Ansatz in der Philanthropie unterstützen möchte, nehmen wir gerne Zuwendungen und Legate an – aber wir sind nicht darauf angewiesen.

Und schauen Sie sich die Projekte alle an?
Ja, wir sind vor Ort. Ich zähle auch in einem Behindertenheim in Russland Waschmaschinen, um sicher zu gehen, dass unsere Partner das Geld so verwenden, wie es abgemacht ist. Wir sind sehr betriebswirtschaftlich ausgerichtet.

Wie bringt man Menschen zum Spenden?
Ich finde es wichtig, dass ein persönliches Interesse besteht. Welchen Bezug haben Sie zum Land, wohin möchten Sie Ihr Geld fliessen lassen? Man kann überall Gutes tun. Wir wollen die Gesinnung des Menschen aktivieren. Manchmal sammle ich bei Kindern Fünfzig-Räppler ein und sage ihnen, dass man damit einem Kind in Afrika Schuhe kaufen kann. So entwickelt sich Solidarität als tiefes menschliches Bedürfnis. Aber in der humanitären Hilfe braucht es viel mehr Rationalität als Emotionalität. Natürlich ist es einfacher, Spender mit süssen Kinderfotos abzuholen. Die behinderten Kinder in St. Peterburg sind nicht schön anzuschauen – und es ist schwieriger, dort Spender zu finden. In der Schweiz ist die Armut natürlich auf einem anderen Niveau. Ich möchte das aber nicht lächerlich machen. Wir tragen auch hier die Verantwortung zu helfen.

Sie appellieren damit an jeden Einzelnen von uns.
Ich komme als Unternehmerin aus einer mittelständischen Umgebung. Dafür bin ich sehr dankbar. Mein Vater hat immer gesagt, dass man teilen muss. Wer in der Schweiz geboren ist, hat grosses Glück. Langsam gibt es dafür ein Bewusstsein. Ich glaube, wir sind verpflichtet zu helfen – jeder nach seinen Möglichkeiten.

The Dear Foundation hat die Schweizer Tafel im 2016 mit 40 000 Franken unterstützt. Warum?
Ich finde es nicht nur genial, was Sie tun, sondern auch notwendig. Uns hat der Gedanke geprägt, dass wir als Kind haben aufessen müssen wegen den armen Kindern in Afrika. Doch ich denke noch einen Schritt weiter und finde, die Schweizer Tafel müsste bei ihren Abnehmern etwas verlangen. Und auch die sozialen Institutionen sollten von ihren Klienten einen Beitrag fordern.

Weshalb?
Weil nichts gratis ist im Leben. Es gibt Angebote, die müssen gratis sein, weil manche gar nichts bezahlen können. Aber die, die können, die sollen bezahlen – weil nur so entsteht Solidarität. In unserer Gesellschaft wird das, was nichts kostet, nicht wirklich geschätzt. Das ist nicht nachhaltig. Wir müssen uns bewusst sein: Der Kuchen der Spenden wird kleiner. Bezahlen kann man übrigens auch mit einer Dienstleitung, in dem man abwäscht oder den Zaun flickt. Eigenleistung ist etwas Elementares für uns Menschen. Überall muss man sich bücken, um eine Frucht aufzulesen. Wenn ich das nicht mache, habe ich Hunger. Da schliesst sich auch der Kreis zur Befähigung, die uns so wichtig ist. Wir geben dir Bildung, Nahrung, Sicherheit, aber du machst auch etwas dafür.

Zum Abschluss: Was ist Ihnen wichtig zu sagen?
Meine Aufforderungen an die Schweizer Tafel sind: Machen Sie weiter so. Nehmen Sie mehr Einfluss. Ich bin fest davon überzeugt, dass das wichtig ist. Und an alle Leserinnen und Leser der tafelpost: Spenden Sie grossherzig für die Schweizer Tafel.

The Dear Foundation

Die Stiftung mit Sitz in Affoltern am Albis hilft Menschen in Not. Schwerpunkte der gewählten Projekte sind Bildung, Gesundheit, Kinderschutz, Frauenrechte und Empowerment. Gegründet wurde The Dear Foundation 2001 von Sonja Dinner. Heute arbeiten fünf Frauen in der Schweiz, drei Personen in Jerusalem, eine Person in Liberia und etwa 200 lokale Mitarbeitende für die Stiftung. Alle unterstützten Projekte werden vor Ort begutachtet. Spendengelder fliessen zu 100 Prozent in die Projekte.